Kultur ist systemrelevant

Der Coronafrühling fuhr den Alltag an die Wand. Die Grenzen gingen zu und es war von Krieg die Rede, aber diesmal gegen die winzig global-viralen Angreifer namens Covid19. Die schrill eingefärbten Mikroentitäten mit den fiesen Widerhaken schlichen sich in unsere Albträume und setzten sich dort fest.

Die Menschen igelten sich in ihren Wohnungen ein, parfümierten sich mit Desinfektionsmitteln, wenn sie nach draussen gingen, und hielten den Maximalabstand zu anderen, wenn immer möglich, ein. Die Kinder durften nicht mehr raus und die Altersheime machten die Schotten dicht.

Der Bundesrat übernahm die Kommandobrücke. Neue Verhaltensregeln und Durchhalteparolen wurden im Wochentakt veröffentlicht. Virologen und Epidemiologen wurden zu neuen Popstars und meldeten sich täglich zur Lage der Nation. Menschliche Nähe wurde zum Risikogebiet erklärt, im worst case mit Todesfolgen.

Anfangs Sommer – nach drei unendlichen, langweiligen und stressigen Monaten – gingen die Grenzen, Restaurants und Parkanlagen wieder auf. Niemand traute den positiven Meldungen wirklich über den Weg, und die Pessimisten drohten bereits mit ‚der zweiten Welle‘. Trotzdem ging’s in die Sommerferien, falls die Reservationen noch gültig waren. Eine Woche am Bodensee fühlte sich wie ein Monat in der Karibik an.

Das sommerliche Leben breitete sich in den Städten auf Plätzen, Ufern und grünen Oasen aus. Hauptsache an der frischen Luft und mit genügend Abstand. An Restauranttischen sassen die Leute erst zögerlich wieder zusammen, auch wenn die meisten die Covidapp auf ihrem Smartphone hatten.

Am einzig freien Tisch sassen bereits zwei Männer, die ich nicht kannte und die plauderten. Ich fragte, ob es ok mit dem Hund sei und einer nickte kurz. Mein Begleiter und einer der Männer gingen an die Bar, um Getränke zu holen. Der Hund wollte sich nicht hinsetzen, ich sagte mehrmals ‚Sitz, Platz‘, aber er reagierte nicht. Als ich zum Hund meinte: ‚Heute hörst Du mir gar nicht zu‘, sah mich der dunkelhaarige Mann, der mir schräg gegenüber sass, zum ersten Mal interessiert an. Na super, jetzt führe ich vor Fremden Selbstgespräche. Weiter kam ich nicht mit der Selbsterkenntnis, da bereits eine junge, schlanke Frau mit politoxikomanischen Blick auf mich zukam und fragte: ‚Gibst Du mir Geld?‘ Ich schüttelte den Kopf und hoffte, dass der Hund sie nicht auch noch anbellte. Sie sagte: ‚Du hast einen schönen Hund.‘ Als ich lachte, war sie bereits beim Tischnachbarn. Kaum hatte sie ihren Spruch abgespult, warf er die Hand hoch und brummelte: ‚Und wofür brauchst Du das?‘ ‚Für Essen, Trinken und Schlafen‘, erwiderte sie schlagfertig. Ich nahm an, dass er sie abwimmeln würde, aber er holte das Portemonnaie hervor und gab ihr Geld. Mehr als ich gelegentlich Bettlern gab. Seine Stimme kam mir irgendwie bekannt vor, obwohl ich sein Gesicht keinem Namen zuordnen konnte. Woher kannte ich ihn? Oder kannte er mich? Unsere Begleiter kamen zurück, meiner mit einem Hugo-artigen Drink mit viel Eis drin, seiner mit zwei Biergläsern, die sich gleich beschlugen. Wir führten eine Weile diese seltsame Art von Smalltalk, wenn Du beim Sprechen im Hintergrund immer auch das Gespräch der andern mitanhörst und so tust als würdest du sie nicht belauschen. Ein dritter Mann kam an den Tisch, fragte ob noch ein Schemel frei sei und setzte sich mir gegenüber hin. Er schien gut gelaunt und gerade von einer Reise zurückzukommen, erzählte vom Tessin und wen er dort getroffen hatte. Wenn ich sprach, sah der Dunkelhaarige regelmässig zu mir rüber und strich sich eine störrische Haarmähne aus dem Gesicht. Seine Augen waren haselnussfarben, bella figura, sprach lokalen Dialekt, aber nicht so unterkühlt-unnahbar wie die meisten. Er erinnerte mich an Bekannte von früher aus Kalifornien und Italien. Als sich mein Begleiter eine Zigarette anzündete, nahm ich die Kartonschachtel, holte einen Glimmstengel raus und zündete ihn an, obwohl ich nur selten rauchte. Der gut aussehende Mann hatte mir dabei interessiert zugesehen und fragte, ob er auch eine haben könne. Mit dreist-charmantem Lächeln aus dem Mundwinkel. In diesem Moment fiel mir ein, woher ich die tiefe, etwas heisere Stimme kannte: auf meiner Schweizer Playlist hatte ich vor ein paar Wochen ‚Lass mich nicht los‘ runtergeladen. Getragene Pianomusik mit elegisch-poetischem Text über eine schwierige Liebesbeziehung, gesungen in perfektem Bühnendeutsch. Mit einer fast schon hypnotischen Präsenz. Der Künstler war in den Medien gefeiert und auch demontiert worden, aber seiner Musikalität wurden sie damit selten gerecht. Und der nette Kerl, der gerade einer Junkiefrau Geld gegeben hatte, passte nicht zum abgebrühten Provokateur und arrogant wirkenden Möchtegernmacho, wie er in Artikeln, Interviews und Videoberichten dargestellt wurde. Die Wirklichkeit der Kunstfigur wird durch die Mehrschichtigkeit des Augenblicks überlagert.
Die beiden Musiker fragten auch nach einer Zigarette. Der Langhaarige neben mir sagte, fast als Entschuldigung: ‚Ich habe seit zwölf Jahren nicht mehr geraucht‘, was alle zum Schmunzeln brachte. Nach den langen Tagen allein zu Hause tat es gut, unter einer mächtigen Platane mit sympathischen Leuten zu sitzen, die wir eben kennengelernt hatten, den Rauch genüsslich inhalierend und wieder ausatmend. Ich sagte zu meinem Begleiter: ‚So, jetzt bist Du schuld, dass alle wieder rauchen.‘ Der Cantautore und die Musiker lachten. Da ein Tisch nebenan frei wurde und wir noch essen wollten, verabschiedeten wir uns von ihnen.
Sie hatten bestimmt auch Persönliches zu besprechen, genauso wie wir. Wir sagten ‚Ciao‘ und wünschten einen schönen Abend.


Was würde passieren, wenn die Schweiz Mitglied der Europäischen Union würde?

Die dreimonatige Grenzschliessung wegen der Corona-Krise hat gezeigt, dass sich die Schweiz nicht lange von den umliegenden Ländern abschotten kann. Im Gegenteil: medizinisches Material, Grundnahrungsmittel und lebensnotwendige Güter müssen auch in Krisensituationen jederzeit zirkulieren können. Der Virus hat alle Kontinente und die ganze Weltgemeinschaft dazu gezwungen Hygieneregeln zu beachten, physisch Abstand zu halten und im Krankheitsfall in Quarantäne zu gehen. Dabei hat sich gezeigt, dass Grenzschliessungen, Abschottung und undemokratische Vorgehensweisen keine probaten Mittel gegen einen Erreger darstellen, im Gegenteil.

In dieser aussergewöhnlichen Zeit wurde auch sichtbar, dass der Schengen-Raum, eine der grössten Errungenschaften der Europäischen Union, für die Schweiz und seine BewohnerInnen von grösster Bedeutung ist. Die Reise- und Niederlassungsfreiheit ohne Kontrolle an den Binnengrenzen ist – gerade nach den einschneidenden Corona-Beschränkungen – für uns wertvoller und wichtiger denn je.

Die Schweiz liegt mitten in Europa, und über die Hälfte der Kantone hat Grenzen zu unseren Nachbarstaaten. Die Gesamtlänge der 1’935 km langen Aussengrenze teilt die Schweiz mit fünf EU-Ländern:
• Frankreich 585.28 km,
• Deutschland 363.71 km inkl. Enklave von Büsingen und Bodensee,
• Österreich 180.08 km inkl. Bodensee,
• Fürstentum Liechtenstein 41.28 km,
• Italien 800.22 km inkl. Enklave Campione d’Italia.

Da die bilateralen Verträge zwischen Schweiz und EU nicht erneuert werden, stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Im Gespräch sind ein Rahmenvertrag. Die Variante des Beitritts wird hingegen aus politischem Kalkül  totgeschwiegen. Eigentlich kann jedes Land, das die Voraussetzungen der Mitgliedschaft erfüllt, ein Beitrittsgesuch in die Wege leiten. Die Schweiz stellte bereits 1992 einen Antrag zur Eröffnung der Beitrittsverhandlungen und zog ihn 2016 wieder zurück. Die weiteren Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU werden also noch Zeit in Anspruch nehmen: entscheidend wird das Timing in Bezug auf einen zustimmenden Beschluss des nationalen Parlaments und der erfolgreichen Volksabstimmung zugunsten einer vollen Mitgliedschaft werden. Und für diese Diskussion braucht es Fakten anstatt einseitiger Isolationspropaganda.

Die EU-Mitgliedschaft ist langfristig die einzig sinnvolle Variante, das Verhältnis zwischen der Schweiz und Europa vertraglich zu regeln. Die wichtigsten Gründe sind in einem Papier der NEBS aufgelistet: Über 50 % aller aus der Schweiz ausgeführten Waren gehen in EU-Mitgliedsländer, während die Schweiz gar drei Viertel aller importierten Waren aus der EU bezieht. Die EU wahrt die politische Eigenständigkeit ihrer Mitgliedsstaaten. Mit dem Subsidiaritätsprinzip und dem Ausschuss der Regionen unterstützt die EU den Föderalismus. Bei sozialen Fragen müssen die europäischen Gesetzgeber – Rat der Europäischen Union und Europäisches Parlament – den Sozial- und Wirtschaftsausschuss zur Anhörung einladen: die Schweiz ist hier nicht vertreten und hat somit keinen Einfluss auf diese wichtigen gesellschaftlichen Fragestellungen. Zudem übernimmt die Schweiz mit dem «autonomen Nachvollzug» stillschweigend Gesetze aus der EU, zu denen sie nicht Stellung nehmen kann. Die Schweiz ist im bilateralen Verhältnis also einseitig abhängig vom Wohlwollen der EU und schmälert so ihren Verhandlungsspielraum mehr und mehr.

Dass Schweizer Kantone bereits erfolgreich und aktiv in EU-Gremien mitarbeiten, zeigen die Euregio Bodensee mit der Internationalen Bodenseekonferenz, die Regio TriRhena resp. der Trinationale Eurodistrict Basel mit TriRegion-Rat, Discrictsrat, Oberrheinkoferenz und 3Land und die Communità di lavoro Regio Insubrica. Daneben sind auch die Beziehungen zwischen der Schweiz und Frankreich vielfältig und intensiv. Die beiden Länder sind durch eine gemeinsame Sprache sowie den wirtschaftlichen, kulturellen und menschlichen Austausch verbunden.

Etwas Zukunftsmusik: Mit acht Millionen EinwohnerInnen ist die Schweiz in etwas gleich bevölkerungsreich wie Griechenland, Portugal oder Ungarn. D.h. sie hätte 21 Sitze im Parlament der Europäischen Union. Entsprechend der jetzigen Parteienstärke im nationalen Parlament gäbe es in etwa folgende Sitzverteilung: 7 SVP, 5 SP, 4 FDP, 3 Grüne, 2 GLP. Es gibt also auch für Schweizer PolitikerInnen die Möglichkeit sich in Europa einzubringen und an wichtigen gemeinsamen Projekten mitzuarbeiten.

Innenpolitisch sind die WählerInnen der SP einem EU-Beitritt am günstigsten gesinnt: Laut den neuesten Umfragen der FORS Selects-Studie sind zwar nur 20 % der Befragten sehr oder eher für den Beitritt, aber die SP-Wählerschaft stellt mit Abstand die grösste Gruppe der BefürworterInnen. Bei der Basis der anderen Parteien braucht es noch recht viel Überzeugungsarbeit. Un wer angab, ganz klar gegen eine EU- Mitgliedschaft der Schweiz zu sein, wählte in mehr als der Hälfte aller Fälle die SVP.

Dieser Beitrag soll eine wichtige Diskussion in Gang setzen, denn das jahrzehntelange Tabu, dass über einen EU-Beitritt gar nicht erst gesprochen werden darf, hat genug Schaden angerichtet. Zum Schluss und Ausblick habe ich meine 16-jährige Tochter gefragt, ob sie es begrüssen würde, wenn die Schweiz Mitglied der EU würde. Ohne zu zögern sagt sie: „Ja, klar. Es macht keinen Sinn, dass die Schweiz weiter einen Spezialstatus hat.“ Dem bleibt nichts anzufügen.

Gleiche Rechte für alle – die neuen Bürgerrechtsbewegungen sind bunt, divers und kommen zur richtigen Zeit

Der Schweizer Frauenstreik, der eigentlich ein eintägiger Generalstreik war, jährt sich. Er war und ist weiterhin nötig und muss so lange weitergehen, bis Frauen gleich viel verdienen, gesellschaftlich und politisch nicht mehr diskriminiert werden und die hauptsächlich von ihnen geleistete Carearbeit anerkannt und fair vergütet wird.

Meine Urgrossmutter kam als eine der vielen jungen Frauen aus dem Badischen nach Basel und arbeitete ein Leben als Hausangestellte und Köchin in besseren Basler Familien. Ihre Tochter hat in den 1920er Jahren als eine der ersten Frauen in Basel ein LehrerInnendiplom erhalten und bis zur Pensionierung als Primarlehrerin gearbeitet. Meine Mutter hat Pharmazie studiert und war ein Leben lang als Apothekerin tätig. Sie hat immer 100 % gearbeitet und während dreissig Jahren eine Apotheke geführt. Und ich muss mir als gestandene Frau noch immer so Fragen gefallen lassen: „Wie lebt es sich als Mensch ohne Beruf?“

System change not climate change
Die letztjährige Klimabewegung hat v.a. dazu beigetragen, dass das nationale Parlament in Bern grüner und weiblicher wurde. Auch ich habe mich politisch früh für den Umweltschutz engagiert und habe meine ersten Erfahrungen in Basel als Gymischülerin im Rahmen der breiten Proteste gegen das AKW Kaiseraugst gesammelt. Ich nahm als Vertreterin der gymnasialen Schülergruppen an den Koordinationstreffen der Gewaltfreien Aktion gegen das AKW Kaiseraugst im Restaurant Hirscheneck teil und wurde gleich von einem Spitzel fichiert und in den Akten der zuständigen Polizeiabteilungen in Basel-Stadt und Bundesbern mit einer Nummer versehen, die intern darauf hinwies, dass ich ev. eine potentielle Terroristin sein könne. Dies hatte damit zu tun, dass der Infopavillon der Atomlobby auf Baugelände in Kaiseraugst von Unbekannten in die Luft gejagt wurde. Ich kam erst nach dem Eklat der Fichenaffäre darauf, als ich den Texten mit den grösstenteils eingeschwärzten Stellen einen Sinn abzuringen versuchte. Und teile ein Schicksal mit vielen, die fichiert wurden, weil sie sich wie ich – friedlich und demokratisch legitim – gegen das Atomkraftwerk eingesetzt hatten. Heute sind alle froh, dass wir so nah bei Basel keinen Atommeiler haben, der die Umgebung radioaktiv verstrahlt. Meine Ficheneinträge werden mich überdauern.

Politische Rechte für alle
Meine Basler Familie stammt mütterlicherseits aus den Hochschwarzwald, dem Thurgau und Baselland und väterlicherseits aus dem französischen und Schweizer Jura. Familienintern wurde die deutsche Herkunft grösstmöglichst verschwiegen und die frankophone überhöht.
So wuchs ich in den Siebzigerjahren in einer Separistenfamilie in Basel auf und lernte das Aidjolas-Lied noch vor der Schweizer Landeshymne kennen. Die Jurafrage hat meine Kindheit und Jugendjahre massgeblich geprägt. Kulturkampf als Unterdrückung der kulturellen, sprachlichen und religiösen Minderheit im Kanton Bern hat generationenübergreifende Spuren in der Familie hinterlassen.
Erst nach dem Tod meiner Eltern und der Aufarbeitung des Familienarchivs begann ich mich mit den unterschlagenen badensischen VorfahrInnen zu befassen. Meine Mutter hätte noch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen können, aber die Kindheit während den Kriegsjahren muss sie derart traumatisiert haben, dass sie ein Leben lang eine massive Aversion gegen alles Deutsche pflegte.
Ich definiere mich heute als Europäerin und fühle mich in Berlin genauso zu Hause wie in Paris. Deshalb engagiere ich mich dafür, dass alle in der Schweiz Niedergelassenen aktiv ihre politischen Rechte ausüben können.

Black lives matter
Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, finden in Schweizer Städten sowie weltweit grosse Demonstrationen gegen Rassismus und rassistische Gewalt statt.
Ich war in den 1980er und 1990er Jahren regelmässig in den Vereinigten Staaten und habe die Teilung der Gesellschaft immer mit Sorge verfolgt. Die Bürgerrechbewegung und die Wahl Obamas als Präsident waren wichtige politische Höhepunkte.
In Austin Texas traf ich in den 1990er-Jahren im Zusammenhang mit der Gruppenausstellung ‚TX2CH / CH2TX‘ , die ich kuratiert habe, Steven Jones, einen schwarzen Bildenden Künstler. Wir hatten uns in einem Diner nahe der Universität verabredet um das Ausstellungsprojekt zu besprechen. Er erzählte mir, dass sein Grossvater als Sklave geboren wurde. Und während dem ganzen Gespräch starrten uns diverse Leute von den angrenzenden Tischen ungeniert bis feindselig an. 

Eigenverantwortung und Solidarität in schwierigen Zeiten – die Corona-Krise legt Systemmängel schonungslos offen

In der Schweiz dauerte der Lockdown drei Monate. Bereits ab März – mit der kurzfristigen Absage der Basler Fasnacht – war klar, dass die Pandemie einschneidende Veränderungen für alle bringen würde. Für lange Wochen stand das öffentliche Leben still, die Menschen blieben tagsüber möglichst in den eigenen vier Wänden und vermieden jeden unnötigen Kontakt mit der Aussenwelt. Jede/r war auf sich selbst zurückgeworfen und damit beschäftigt, den Alltag zusammen mit nahestehenden Menschen neu zu organisieren. Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Handel, Verkehr wurden auf ein absolutes Minimum heruntergefahren. Die Länder schlossen ihre Grenzen und beschränkten die Bewegungsfreiheit ihrer BürgerInnen teilweise massiv ein.

In dieser speziellen Zeit lohnt es sich, einige beachtenswerte gesellschaftliche und politischen Entwicklungen genauer anzuschauen:

Die wirtschaftliche Globalisierung erscheint momentan in einem sehr düsteren Licht und wird teilweise zu Recht für die globale Pandemie verantwortlich gemacht.
„The novel coronavirus initially emerged and spread across the world through market activities, and our ability to tame it now will be decided by the degree to which we can subordinate market logics to our own survival, rather than vice versa.“ Andrew Liu

Der soziale Wohlfahrtsstaat, der sich via einem gut funktionierenden Service public um seine BürgerInnen kümmert, ist in dieser Krise von einem Auslaufmodell zum neuen Vorzeigemodell geworden. Gerade in der Schweiz wurde die Krise von Bundesrat und den betroffenen Behörden gut gemeistert. Die BewohnerInnen des Landes hatten Vertrauen in die Regierung und hielten sich weitgehend an die Vorgaben, ohne dass eine rigide Ausgangssperre – wie in Frankreich, Italien oder Spanien – nötig wurde.

Politische Folgen sind ein Aufflackern von nationalistischen und isolationistischen Bewegungen während der Covid-Krise. Es ist wohl kein Zufall, dass zum Ende des Lockdowns in der Schweiz – ausgehend von den USA – ein Aufleben der Bürgerrechtsbewegung startet, die sich gegen institutionellen Rassismus wendet und sich für echte Gleichberechtigung einsetzt.

Auf der andern Seiten haben kantonale und das nationale Parlament Hilfspakete und Darlehen gesprochen, um die nachfolgende Wirtschaftskrise und Rezession zu mindern. Die Jugendarbeitslosigkeit droht zu steigen, da noch nicht klar ist, ob weniger Lehrstellen geschaffen resp. besetzt werden. Auch der Generationendialog ist aus dem Tiefschlaf erwacht. Da die Ü65-Jährigen quasi drei Monate zu Hause geblieben sind, haben sich spontan Nachbarschaftsnetzwerke zusammengetan, um Lebensmittel und Besorgungen für die Daheimbleibenden zu organisieren.

Die bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten wurden während dem Lockdown drastisch verschärft und an die gesellschaftlich sichtbare Oberfläche gespült. Das Virus traf die verletzlichen Schichten am härtesten: beim Zugang zum Arbeitsmarkt, bei der Verteilung von Grundnahrungsmitteln oder dem Zugang zu Bildung. An Arbeitsstellen auf dem Bau oder in der Pflege oder den unhaltbaren Zuständen in Asylzentren wurden die Versäumnisse der letzten Jahre und die blinden Flecke des sozialen Netzes mehr als sichtbar.

In der Arbeitswelt bröckelt die Aufteilung zwischen bezahlter Erwerbsarbeit ausser Haus und unbezahlter Pflegearbeit in der Familie. Zudem wird mehr als offensichtlich, dass die hinterwäldlerische und verfassungswidrige Lohndifferenz zwischen ‚Männer-‚ und ‚Frauenjobs‘ hinfällig geworden ist. Im systemrelevanten Gesundheitswesen, Detailhandel und Dienstleistungsbereich haben die Frauen genauso hart geackert wie die Männer auf dem Bau.

Die Krise hat einen rasanten Digitalisierungsschub gebracht. Voraussetzung für die Teilhabe an der digitalen Welt sind jedoch eine gute Anbindung via Netz mit einer 1:1-Ausstattung von digitalen Geräten in Familien, Schulen, und an Arbeitsstellen. Nutzniesser der Krise waren vorab Telecom-, Digital- und Logistikunternehmen.

Eine Gruppe von AkademikerInnen hat im Mai das Manifest #DemocratizingWork veröffentlicht und gefordert, dass die Unternehmen demokratische Mitbestimmung ihrer ArbeitnehmerInnen zulassen, dass die Sozialleistungen von der Erwerbsarbeit abgekoppelt werden und wirtschaftliche Rettungsaktionen von Unternehmen durch Regierungen nur unter Einhaltung strenger Umweltnormen durchgeführt werden. Bereits haben über 5500 Personen das Manifest unterstützt.
https://democratizingwork.org